AltersFreigabe!

Als ich noch sehr jung war und so vor mich hin lebte, hatte ich die Angewohnheit älteren Ladies mitzuteilen, wie sehr ich mich doch beim Anblick ihrer Person darauf freue, älter zu werden. Sie waren sehr gepflegt oder gut drauf oder „für ihr Alter immer noch sehr attraktiv“ oder, oder, oder. Ich fand mich toll und sonnte mich in meinem Großmut, ohne wirklich die Reaktion abzuwarten. Ich dachte, wie nett ich doch sei und freute mich wirklich auf das „Alter“ – konnte ja alles nicht so schlimm werden.

Als ich so Anfang 40 war, heiratete ein Mitglied meiner Familie. Aufgehübscht bis nach Meppen und freudig erregt, traf ich also ein und begegnete gleich als Erstes einer Freundin der Braut – Mitte 20. Sie sah mich und versicherte mir freudestrahlend, dass sie sich beim Anblick meines Antlitzes auf das Älterwerden freue.

BÄÄÄÄÄÄÄÄM machte es und es geschahen ganz viele Dinge gleichzeitig:

  1. Ich entschuldigte mich telepathisch bei allen Ladies, denen ich jemals genau dasselbe an den Kopf geworfen hatte.
  2. Ich war verletzt.
  3. Ich beschloss, über Alter usw. mal genauer nachzudenken.
  4. Ich ignorierte die „Göre“ und ging meines Weges.

Also, was ist das denn mit dem Alter und unseren Sprüchen: „Waaaaas, Du schminkst Dich schon? Bist Du nicht ein bisschen zu jung dafür?“, „Wie bitte? Du darfst so lange draußen bleiben? In Deinem Alter?“, „Entschuldigung! Deine Uhr tickt. Willst Du nicht endlich mal schwanger werden!“, „Wie albern Du bist! Willst in einem öffentlichen Brunnen plantschen. Und das in Deinem Alter“, „Du bist mit einem 20 Jahre älteren (oder jüngeren) Mann (Frau) zusammen?“, „Du ziehst so eine Klamotte an? Bist Du nicht etwas zu jung (oder zu alt) dafür?“ „Du willst mit 80 noch einmal heiraten?“, „Na Mädchen, jetzt schon heiraten?“ Ich könnte die Liste munter so fortführen (und Ihr sicher auch) und gerade beim Schreiben fällt mir auf, dass man alle Sprüche auch umkehren kann. Man ist also immer zu alt oder zu jung für irgendetwas. Aber wann ist man denn RICHTIG? Existiert ein Protokoll? Also quasi ein Knigge für das richtige Benehmen im jeweiligen Alter?

Ich bin kein Moralapostel , …

… versteht mich bitte nicht falsch. Schreibe das hier nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ich zähle mich auch dazu. Mich hat es ebenfalls gepackt. In letzter Zeit frage ich mich immer öfter: „Bist Du zu alt dafür?“ anstatt „Siehst Du aus wie eine Tonne in dem Outfit?“ Oder ich ertappe mich dabei, dass ich länger als gesund über Konsequenzen einer zu treffenden Entscheidung grübele. Das kann doch bitte alles nicht wahr sein. Wann ist das denn passiert? Mein Vater meinte mal zu mir, er fühle sich nicht wie ein alter Mann, wie sei das überhaupt? Seine Umwelt behandle ihn jedoch so. Spätestens seit dem die Bäckersfrau mich plötzlich mit „Sie“ anspricht, der Fahrgast seinen Platz für mich räumt (nein, das war nur ein Spaß ;), verstehe ich meinen Vater. Ich bin so wie ich immer war. Na klar, habe ich Erfahrungen gesammelt, aber die machen mich nicht alt. Sie machen mich erfahren. Wie oft treffe ich auf junge Menschen, die viel mehr Erfahrungen oder alte, die viel weniger Erfahrungen als ich gesammelt haben. Das hat NIX mit dem Alter zu tun!!!! Menschen sind mit 10, 20 und 30 engstirnig, eingleisig und ängstlich oder das genaue Gegenteil und die ändern sich in der Regel auch nicht mehr. Wer mit 20 kein kurzes knappes Schwarzes angezogen hat, wird das sicher auch nicht mit 70 plötzlich tun. Hat NIX mit dem Alter zu tun. Mein Aussehen, quasi meine Hülle, verändert sich. Ja. Das liegt in der Natur der Sache. Wobei es auch hier altersunabhängige, manchmal je nach Geldbeutel auch künstlich erzeugte, Unterschiede gibt. Ihr versteht, was ich meine ;)).

Beim Spaß haben 🙂

Oft sind wir es allerdings selbst, die mit Aussagen wie: „Als ich jünger war, war alles besser, einfacher, schöner, etc.“ stigmatisieren. Wir katapultieren uns quasi in eine Schublade und wundern uns anschließend, wenn unsere Umwelt entsprechend reagiert. Wie oft höre ich mich sagen: „Als ich in Deinem Alter war“, oder „In meinem Alter…..“. Das nervt mich. Und ich versuche damit aufzuhören.

Ich bin 52. Punkt. Das sagt nichts über die Musik aus, die ich bitte zu hören habe, nichts darüber wie ich zu leben und zu lieben habe, nichts darüber, was ich wie und wo anziehen sollte. Auch nichts darüber, worüber ich zu lachen habe und wie ich die Welt betrachten sollte.

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